Der Versuch eines Fazits

Mai 25, 2008 by adifunk

Die westlichen Demokratien sind durch Wahlmüdigkeit und Legitimationsprobleme weniger von aussen, wohl aber von innen bedroht. Bürger haben zwar durchaus grosses Interesse an politischen Themen, lehnen aber vielfach die althergebrachten Strukturen der Parteiendemokratie und der öffentlichen Meinungsbildung ab. Mit dem Internet wurden vor allem in der Frühphase seiner Diffusion Hoffnungen verbunden, die Interaktion zwischen Bürgern und politischem System zu verbessern sowie die Mobilisierung bislang unterrepräsentierter oder nicht engagierter Bevölkerungsteile zu erreichen.
Demgegnüber deuten empirische Ergebnisse eher darauf hin, dass sich bestehende Ungleichheiten verstärken. Das Internet bietet denjenigen Personen, die auch offline in soziale Netzwerke des Engagements eingebunden und politisch aktiv sind, zusätzliche Möglichkeiten, ihre Interessen zu vertreten und sich politisch zu beteiligen. Unter solcherart engagierten Personen steigt auch der Anspruch ans politische System, über das Internet Informationen bereit zu stellen und Prozesse transparent zu machen. Ob und inwieweit das Internet zur Revitalisierung der Demokratie führt, hängt also weniger von rein technischen Merkmalen, als vielmehr von institutionellen Faktoren des politischen Systems ab(Schmidt; 2006).

Die von euphorischen Protagonisten des Online-Zeitalters in Aussicht gestellte Demokratisierung der öffentlichen Meinungsbildung hat demnach noch nicht stattgefunden. Ungeachtet der weit verbreiteten Internet-Nutzung sind die klassischen Massenmedien weiterhin dominant(Zerfass/Boelter; 2005). Dabei schliessen sich die verschiedenen Paradigmen nicht aus, sondern ergänzen sich gegenseitig - die durch Politblogs, Podcasts und social software ermöglichte Meinungsbildung tritt neben die weiterhin, aber in anderer Gewichtung relevanten Formen der schriftlichen, massenmedialen und internetgestützten Kommunikation.

Aber auch wenn sich demokratietheoretische Utopien nicht bewahrheitet haben, hat das Internet nichtsdestoweniger einen wichtigen politischen Diskussionsraum geschaffen. Es prägt insbesondere eine neue Dynamik, welche Manuel Castells als „informationelle Politik” bezeichnet(Castells; 2005). Weil die Menschen nicht Programmen, sondern eher Personen vertrauen, ist die Medienpolitik heutzutage hochgradig personalisiert und um das Image der Politiker organisiert. Die Internet-Plattformen, die einen horizontalen, wenig kontrollierten und billigen Kommunikationsraum abdecken, führen zu einer zusätzlichen Akzentuierung dieser Entwicklung. Heute gibt es fast keine politischen Geheimnisse mehr, wenn sie mal über sehr eng begrenzte Kreise hinaus bekannt geworden sind. Die Grenze zwischen Tratsch, Phantasie und wertvoller politischer Information vermischt sich deshalb immer mehr. So führen neue Medienformen zwar einerseits zu einem grösseren Informationsangebot, verbreitern aber andererseits auch die Startrampe für die Politik des Skandals. Das eigentliche Problem liegt dabei natürlich nicht beim Internet, sondern bei der Art von politischem System, das unsere Gesellschaften hervorbringen.

Abschliessend möchte ich doch noch kurz auf die titelgebende Fragestellung eingehen und eine Antwort zu den Beweggründen der beiden Protagonisten riskieren. Trotz all derer basisdemokratischen Beteuerungen komme ich leider zu folgendem kritischen Urteil: Angela Merkel machts hauptsächlich zur Imagepflege, Moritz Leuenberger in erster Linie aus Spass.
Apropos Spass: Beim Bloggen im Rahmen der IGEP-Semesterarbeit empfand ich teilweise zwar durchaus welchen. Allerdings stand dieser in keinem vernünftigen Verhältnis zum damit verbundenen zeitlichen Aufwand. Ich muss deshalb an dieser Stelle ganz klar sagen: Dies war mein erster, zugleich aber auch mein letzter Blog.

… this is the end of the line

Quellen

  • Schmidt, Jan (2006):
    „Weblogs - Eine kommunikationssoziologische Studie”
    (S. 140-141)
    Uvk Verlagsgesellschaft, Konstanz 
  • Zerfass, Ansgar / Boelter, Dietrich (2005):
    „Die neuen Meinungsmacher - Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien” (S. 83)
    Verlag Nausner & Nausner, Graz
  • Castells, Manuel (2005):
    „Die Internet-Galaxie” (S. 169-170)
    VS Verlag für Sozialwissenschaften, Heidelberg

 

Chancen für die Demokratie?

Mai 20, 2008 by adifunk

„Die Demokratie ist nichts anderes als ein
Niederprügeln
des Volkes durch das Volk für das Volk.”
(Oscar Wilde, 1854-1900)

Demokratie ist kein Ding, kein Prozess und auch keine Idee. Es ist ein Wort, und zwar eines, das eine alles andere als geradlinige Karriere durchlaufen hat. Dies postuliert der nicht unumstrittene Medienkritiker Neil Postman in seinem Buch „Die zweite Aufklärung”(Postman; 2001) und verweist dabei auf Aussagen einiger vielbeachteter Philosophen. Plato zum Beispiel lehnte sie rundum ab. Aristoteles dachte schon etwas weniger verächtlich darüber: Er hielt sie zwar für die schlechteste Regierungsform,  zumindest aber für die am wenigsten korrumpierbare. Selbst Mitte des 17. Jahrhunderts vertrat Thomas Hobbes, der eigentlich erste moderne politische Theoretiker, die Meinung, dass die Demokratie, in welcher Form auch immer, unumgänglich in die Anarchie führe. Erst Hobbes’ einflussreichste Gegner aus der Epoche der Aufklärung, John Locke und Montesquieu, prägten einen Demokratiebegriff, der mit dem heutigen vergleichbar ist. So schrieb John Locke: „Der Beginn einer politischen Gesellschaft hängt von der Zustimmung der einzelnen ab, sich in eine Gesellschaft zu begeben und eine Gesellschaft zu bilden.” Und Montesquieu schuf mit seinem Prinzip der Gewaltenteilung die Grundlage für die demokratisch geprägte Verfassung der Vereinigten Staaten. Doch erstaunlich auch hier die Haltung eines anderen berühmten Philosophen: Jean-Jacques Rousseau sprach sich klar gegen die Gewaltenteilung aus.

Die selektiven Beispiele zeigen vor allem folgendes: dass das Wort „Demokratie” im Verlaufe der Zeiten sehr unterschiedlich gewertet wurde. Heute lässt sich sagen, dass Demokratie für die meisten von uns eine mehr oder weniger feststehende Bedeutung angenommen hat, und zwar eine durchweg positive. Die Werthaltung hängt aber noch von weiteren Faktoren ab. Bereits die Aufklärer erkannten den wichtigen Zusammenhang zwischen politischem Leben und Kommunikation. Montesquieu befand, dass die Mittel, dank derer die Menschen miteinander kommunizieren, ihre Regierung eingeschlossen, für die Funktionstüchtigkeit eines jeglichen Systems entscheidend sind. John Stuart Mill führte diesen Gesichtspunkt noch näher aus. Nach ihm ist die aktive Teilnahme der Regierten am Prozess des Regierens ein essentielles Element eines demokratischen Systems. „Die Nahrung des Gefühls ist das Handeln”, schrieb er: „gib einem Menschen nichts für sein Land zu tun, und er wird sich nicht darum scheren.” Rund 100 Jahre später meinte John F. Kennedy wohl in etwa dasselbe, als er sagte: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt.”

Politische Indifferenz ist demnach der Tod der Demokratie. Alexis de Tocqueville verstand das genau, als er den Einfluss politischer Vereinigungen auf die Gesundheit eines Systems herausstrich. Als erster und bekanntester Demokratieforscher richtete er sein Augenmerk auf die Rolle der Medien als Gestalter von Demokratie. Mit Medien (ein Wort, das er selbstverständlich nicht benutzte) meinte er das gedruckte Wort. Damit nahm er einen zentralen Punkt aller politischen Denker der Aufklärung auf, die davon ausgingen, dass das politische Leben zur Hauptsache mittels des gedruckten Wortes vonstatten gehe. Natürlich konnten die Aufklärer die später stattfindende Kommunikationsrevolution, das Aufkommen elektronischer und interaktiver Medien, nicht vorausahnen. Thomas Jefferson wies aber schon damals auf einen wichtigen historischen Prozess hin: „Wenn neue Entdeckungen gemacht werden und sich mit den veränderten Verhältnissen auch Sitten und Meinungen ändern, dann müssen sich auch die Insitutionen ändern und mit der Zeit Schritt halten.” Heutzutage sind teils auch eher gegenteilige Stimmen zu hören. So vertritt Lawrence Grossmann in seinem Buch „The Electronic Republic” die Auffassung, die neuen interaktiven Medien würden die Grundlage für eine partizipatorische Demokratie schaffen und die repräsentative Demokratie, wie wir sie kennen, obsolet machen. Die Bürger würden dank der Fülle von Informationen  zur qualifizierten Urteilsbildung befähigt, wodurch sie wiederum direkt und schnell über die Politik ihrer Regierung entscheiden könnten. Auch wenn ich hier meinem Schlussfazit vielleicht etwas vorgreife: Thomas Jefferson hätte der Verfügbarkeit von Informationen bei weitem nicht so viel Gewicht beigemessen. Im Zentrum seiner Gedanken stand viel eher die Befähigung jedes Individuums, politische und soziale Ideen zu verstehen und sie in kohärenter Weise zu formulieren.

Quellen

  • Postman, Neil (2001):
    „Die zweite Aufklärung”
    (S. 171-193: Kapitel “Demokratie”)
    BvT Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, Berlin

 

Das Prinzip der “Vergoldung”

April 24, 2008 by adifunk

In meinem letzten Beitrag habe ich eine Aussage des Politologen Andreas Ladner zitiert, wonach Blogs und Podcasts Mittel zur „Veredelung von Informationen” sind. Nun möchte ich diesen Gedankengang etwas vertiefter behandeln. Sehr intressant erscheinen mir in diesem Zusammenhang die Thesen des Soziologen und Historikers Richard Sennett. In seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitialismus”(Sennett; 2007) weist er auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen hin, die sich ausgehend von der New Economy der 1990er Jahre ergeben haben. Insbesondere konstatiert er eine zunehmende Ähnlichkeit von Konsumverhalten und politischem Handeln. 

Sennett analysiert auf bildhafte Weise, nach welchen Regeln Menschen etwas „Neues”, zum Beispiel Güter und Dienstleistungen, konsumieren lernen. Er verweist dabei im wesentlichen auf folgende zwei Einflussfaktoren: Marke und Potenz.
Marke
Heute wird in der Fertigung zahlreicher Güter, von Autos über Computer bis hin zur Kleidung, die so genannte Plattform-Technik eingesetzt. Dabei stellt man ein Grundprodukt her, an dem man nur noch kleinere, oberflächliche Veränderungen vornimmt. Die Hersteller bezeichnen derartige  Veränderungen als „Vergoldung”, und dieser Ausdruck ist sehr treffend, denn der Zweck liegt darin, dem Verbraucher die Marke wichtiger als die Sache selbst erscheinen zu lassen. Ein Beispiel dazu: ohne Vergoldung wäre beim Vergleich zwischen einem Skoda und einem Audi - beide Autos haben etwa 90 Prozent der „industriellen DNA” gemeinsam - eine Preisdifferenz von 100 Prozent kaum erklärbar. Der visuelle Unterschied soll beim Käufer jede Verknüpfung zwischen Skoda und Audi verhindern. Oder anders formuliert: durch die Verringerung der Aufmerksamkeit für das Objekt als solches hofft der Hersteller, die damit verbundenen Assoziationen verkaufen zu können. Dahinter steht wiederum der Mechanismus, dass der Konsument seinen Kaufentscheid immer öfter vom Reiz des Unterschieds abhängig macht.
Potenz
Dieser Faktor hat nichts mit dem Kauf von Sexpillen zu tun und lässt sich gut anhand der Elektronikindustrie verdeutlichen. Hier gilt es oft als Gemeinplatz, dass gewöhnliche Verbraucher Geräte kaufen, deren Fähigkeiten sie niemals voll nutzen werden. Ein treffendes Beispiel dafür ist der iPod, der in der Lage ist, Tausende von Musiktiteln zu speichern und abzuspielen. Wer aber findet die Zeit, sich derart viele Songs anzuhören? Oder allgemeiner und provokativer formuliert: Ist Konsumleidenschaft vielleicht nur eine andere Bezeichnung für „Freiheit”?
Der Bürger als Konsument
Sennett sieht nun eine zusehende Vermarktung der Politik und damit verbunden die Gefahr bzw. das Paradox, dass Menschen sich aktiv in ihre eigene Passivität heineinbegeben. Trotz moderner Technologien und der einhergehenden Benutzerfreundlichkeit könnte es beim „Konsumenten-Zuschauer-Bürger” zu einer Abkehr von der progressiven Politik kommen. Als Indizien dafür nennt Sennett unter anderem die neuen politischen Kommunikationsformen, die immer häufiger den Gesetzen der Plattform-Technik unterliegen sowie die stärker werdenden Mechanismen der Vergoldung.
Die eine Art der politischen Vergoldung arbeitet mit der Überbetonung von Symbolen. Dazu ein Beispiel aus Grossbritannien: Die Parteien unterscheiden sich dort leidenschaftlich durch ihre Haltung zur Fuchsjagd mit Hunden. Nahezu 700 Stunden verbrachte das Parlament mit der Erörterung dieser Frage, während über die Einrichtung eines Obersten Gerichtshofs im Schnellverfahren debattiert wurde. Die zweite und folgenschwerere Form der Vergoldung besteht in der Praxis, Tatsachen in einen anderen Kontext zu stellen. So ist es beispielsweise sehr beliebt, ausländischen Immigranten, die voll in Arbeitsprozess und Gesellschaft integriert sind, eine neue „Verpackung” zu geben, indem man sie der selben kulturellen Kategorie wie die unproduktiven Asylsuchenden zuordnet. Aber auch linke Parteien frönen dem Trick der Kontextveränderung. Gerade heute(Zufall?) erfuhr ich, dass die SP im Rahmen des Abstimmungskampfs um den neuen Gesundheitsartikel Gratisvorführungen von Michael Moores Film „Sicko” organisiert und damit mehr oder weniger bewusst eine heikle Analogie zum amerikanischen Gesundheitswesen in Kauf nimmt(Tages-Anzeiger; 24.4.2008).

Aus den dargelegten, aber auch aus weiteren Prinzipien, leitet Sennett die These ab, wonach in Wirtschaft und Politik dem kurzfristigen Denken eine immer grössere Bedeutung zukommt und langsamere Formen des Wachstums allmählich suspekt werden. Ich selber erkenne diesbezüglich schon Gefahrenpotential, sehe es aber nicht gar so pessimistisch wie Sennett. Jedenfalls werde ich aber nicht darum herumkommen, mich im nächsten Blog mit der Frage auseinanderzusetzen, ob und inwiefern die neuen Formen von Web 2.0 zu einem Wandel des Demokratieverständnisses führen. 

Quellen

  • Sennett, Richard (2007):
    „Die Kultur des neuen Kapitalismus”
    (S. 105-140: Kapitel “Politik als Konsum”)
    BvT Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, Berlin

Wandel im politischen Diskurs?

April 15, 2008 by adifunk

Studien zeigen: der Podcast-User ist jung, technikbegeistert und gutverdienend. Ähnliche Schlüsse hat auch eine Untersuchung zu Bloggingpraktiken im deutschsprachigen Raum ergeben, wobei hier noch das Adjektiv „gutgebildet” ergänzt wurde. Dies sind für sich allein ja noch keine weltbewegenden Erkenntnisse. Aufschlussreicher erscheint die Feststellung in einem Bericht des Goethe-Instituts(www.goethe.de; Politische Kommunikation im Web 2.0), wonach in Weblogs fast ausschliesslich dienigen aktiv über politische Themen schreiben, die sowieso schon im politischen Meinungsbildungsprozess involviert sind.
Des weiteren stellt sich die Frage, inwieweit bloggende bzw. podcastende Politiker auch tatsächlich am öffentlichen Diskurs teilnehmen. Wenngleich die genannten Angebote zweifellos den Handlungsdruck erhöhen, zeigt ein Blick hinter die Kulissen, dass in der Regel nicht die Politiker selbst Stellung beziehen, sondern deren Mitarbeiter diesen Job übernehmen. Der Wunsch der Bürger nach direkter Kommunikation bleibt dadurch unerfüllt und der auf Authentizität beruhende Grundethos der Blogosphäre wird verletzt. Trotzdem kommt das Goethe-Institut zum Schluss, dass die Entwicklungen im Zusammenhang mit Web 2.0 einen bedeutenden Transformationsprozess in Gang gesetzt haben. Der Strukturwandel hin zur Netzwerkgesellschaft wird den Trend der Überlagerung von Massenmedien und Netzwerkmedien weiter verstärken. Darauf wird auch die politische Kommunikation erneut reagieren müssen.

Welche Rolle spielt nun gegenwärtig das Internet im Hinblick auf die politische Auseinandersetzung in Europa oder spezifisch betrachtet in der Schweiz? Im Gegensatz zu den USA noch keine allzu grosse. Blogs und Videos werden hier nur dann richtig wahrgenommen, wenn auch Zeitungen und Fernsehen über sie berichten. Der Politologe Andreas Ladner spricht in diesem Zusammenhang von einer „Veredelung von Informationen”
(NZZ; 25.3.2007: Das Internet spielt nur die Nebenrolle). Auch andere Politikwissenschaftler sind nicht einhellig der Meinung, dass über das Internet politikferne Schichten gewonnen werden könnten. Der von viel Hoffnung getragenen Mobilisierungs-These halten sie deshalb die sogenannte Reinforcement-These entgegen. Danach werden durch das Internet keine neuen politische Strukturen geschaffen, sondern lediglich bestehende verstärkt(NZZ; 28.9.2007: Muffel bleiben Muffel). Trotzdem belegen amerikanische Studien, dass Weblogs eine wachsende Bedeutung für die politische Meinungsbildung zukommt. Immer häufiger gelingt es Schlüssel-Blogs, Themen zu lancieren oder vernachlässigte Themen zu beleben. Vor allem wenn es um die Identifizierung zu gewissen Fragestellungen geht laufen Blogs den klassischen Medien allmählich den Rang ab. In den USA werden sie deshalb immer häufiger als Radar für die künftige politische Agenda wahrgenommen(NZZ; 29.2.2008: Blogs als Seismografen). Auch auf längere Zeit angelegte Studien kommen zum Ergebnis, dass Internet-Nutzer politisch aktiver sind als Nicht-Nutzer. Doch ergab sich bei differenzierter Betrachtung, dass die Vermutung, das Internet schaffe politisches Interesse, nicht zutraf. Tatsächlich waren die politik-affinen Internet-User im Vergleich zu den Internet-Muffeln schon immer politisch aktiver(NZZ; 28.9.2007: Muffel bleiben Muffel).

Aus reiner Neugierde habe ich nun noch versucht, die oben geschilderten Erkenntnisse bezüglich Beteiligung und Meinungsaustausch mit dem Blog Moritz Leuenbergers in Beziehung zu setzen. Zu diesem Zeck habe ich die Kommentare analysiert, die auf 4 Blogbeiträge im März und April  eingegangen sind. Das Resultat ist - gelinde ausgedrückt - ernüchternd. Gesamthaft liegen rund 220 Kommentare vor, also durchschnittlich gut 50 Kommentare pro Blogeintrag. Doch bei genauerer Betrachtung habe ich festgestellt, dass immer die selben Personen diskutieren: es sind im Maximum 40 Leute, die sich - unter vielsagenden „Nicknames” wie beispielsweise „Wachstumskritiker”, „Wachstumsbefürworter” oder „Mr. Pink”  - an der Diskussion beteiligen. Der  Gedankenaustausch besteht leider aber meistens darin, sich gegenseitig „zur Schnecke zu machen”. Ich gebe zu: ich habe mich ziemlich darüber genervt. Trotzdem war die Analyse aufschlussreich. Die Diskussionskultur widerspiegelt relativ gut einige Stilmittel, die aktuell auch von einigen Schweizer Politikern(Stichwort „SVP Graubünden”) oder politisch intressierten Journalisten(siehe nachfolgendes youtube-Video) benutzt werden.

 

Politkommunikation und Informationsgesellschaft

April 7, 2008 by adifunk

In vielen politischen Blogs und Podcasts spielen „Outfit” und „Performance” die zentrale Rolle. Doch selbst wenn die modernen Plattformen häufig nur dem Zweck einer Pseudo-Personalisierung(Schmidt; 2006) dienen: sie widerspiegeln den Trend, dass das Politisieren, zumal in den westlichen Demokratien, ohne ordentliches Kommunikationsmanagement kaum denkbar ist. Untersuchungen weisen dementsprechend auch auf zunehmende Parallelen im Marketing von Politik und Waren hin. Die Entwicklung der Politik als Marke und die Profilierung von Politikern mit Hilfe von Marketingwerkzeugen erachten einzelne Wissenschaftler als unaufhaltsamen Langzeitprozess(Medienheft; Regieren und Kommunikation). Dies widerspiegelt sich auch in verwendeten Sprachformulierungen, die zusehends an Sonderaktionen in Supermärkten erinnern. Als Beispiel dient der Slogan „Zwei zum Preis von einem”, mit dem Bill Clinton seine Gattin und sich selbst den amerikanischen Wählern anpreist(NZZ; 28.1.200 8) .

Reuters)\

Es ist natürlich klar, dass Medien für den Transport politischer Botschaften schon immer eminent wichtig waren. Doch erst in jüngster Zeit haben sie durch ihre Präsenz eine Rolle erobert, in der sie gesellschaftliche Prozesse stark mitbeeinflussen. Politische Vorgänge, die nicht durch die Medien transportiert werden, sind aus Sicht der Bürger faktisch nicht mehr existent. Politisches Handeln vollzieht sich fast ausschliesslich durch Medienvermittlung.
Vor dem Hintergrund der unzähligen Medienangebote und der zunehmenden Verwirklichung der Informationsgesellschaft gerät Aufmerksamkeit immer mehr zu einem flüchtigen Gut. Dies erfordert einen wesentlich höheren Kommunikationsaufwand sowie klar konturierte Strategien, um Botschaften überhaupt noch unter das Volk zu bringen. Die Politik setzt daher immer häufiger auf das Prinzip des „fraktalen Marketings”, indem das selbe Produkt in unterschiedlichen Segmenten der Öffentlichkeit verschieden präsentiert wird(Matthias Machnig; Politische Kommunikation unter Modernisierungsdruck).

Im selben Zusammenhang stellt sich nun die Frage, welche Bedeutung den neuen Vermittlungsformen des Internets zukommt. Spielen Blogs und Podcasts lediglich eine instrumentelle Rolle oder kommt es dank ihnen zu einer Transformation der soziopolitischen Spielregeln? In seinem Buch „Die Internet-Galaxie” vertritt der Soziologe Manuel Castells die dezidierte Meinung, dass das Internet nicht bloss eine Technologie ist. Es bildet vielmehr ein Kommunikationsmedium sowie die materielle Infrastruktur einer bestimmten Organisationsform: des Netzwerkes(Castells; 2005). Castells sieht die Wichtigkeit des Internets deshalb einerseits darin, dass soziale Veränderungen des Informationszeitalters im wesentlichen auf kulturellen Werten beruhen und entsprechende Bewegungen meist um Kommunikationssysteme aufgebaut werden. Andererseits füllt die Netzwerkgesellschaft die Lücke, welche die Krise der vertikal integrierten Organisationen hinterlassen hat. Wählermehrheiten sind heute Allianzen auf Zeit und Wählersegmente sind sozialstrukturell meist nicht mehr klar abgrenzbar. Das soll nicht heissen, die Menschen würden sich weniger stark organisieren, um ihren Interessen Geltung zu verschaffen. Aber es sind lockere Koalitionen, halbspontane Mobilisierungsformen und ad-hoc-Bewegungen der neo-anarchistischen Art, die an die Stelle dauerhafter, strukturierter, formaler Organisationen treten. Das Internet wird für diese Arten der Manifestation immer stärker zum unverzichtbaren Ausdrucks- und Organisationsmedium.

Aber führen Blogs oder Podcasts auch zu einem grundsätzlichen Wandel des öffentlichen Diskurses? Oder ergibt sich daraus ein breiter abgestütztes und reiferes Demokratieverständnis? Dies sind Fragen, mit denen ich mich in den zwei kommenden Blogs etwas näher befassen möchte.

Quellen

  • Castells, Manuel (2005):
    „Die Internet-Galaxie” (S. 151-154)
    VS Verlag für Sozialwissenschaften, Heidelberg
  • Schmidt, Jan (2006):
    „Weblogs - Eine kommunikationssoziologische Studie” (S. 147)
    Uvk Verlagsgesellschaft, Konstanz 

Professionalisierung und Personalisierung

März 26, 2008 by adifunk

“Die Öffentliche Meinung ist alles.
Mit ihr gibt es keine Niederlage, ohne sie keinen Erfolg.”
(Abraham Lincoln, 1809-1865)

Politische Kommunikation ist keine Erfindung des Medienzeitalters. Nicht nur Abraham Lincoln erkannte die grosse Bedeutung des öffentlichen Auftretens. Auch namhafte Denker der Antike, z.B. Aristoteles, sahen in der Inszenierung und Personalisierung wichtige Gestaltungsmittel der Politik. Jedoch wird die Kommunikationsarbeit in der medial organisierten Öffentlichkeit von heute immer bedeutsamer. Dies zeigen die aktuellen Wahlkämpfe der US-Präsidentschaftskandidaten Clinton und Obama sehr eindrücklich.
Erste Einflüsse auf die politische Kommunikation in Europa sind nicht zu übersehen. Die „Amerikanisierungsthese” (www.bpb.de; Massenmedien und Wahlen) scheint also einen neuen Aufschwung zu bekommen.
Das Schlagwort der „Amerikanisierung” wird häufig im Zusammenhang mit der Bedeutung bzw. Adaption von TV-Duellen gebraucht. Die Geburtsstunde der Fernsehdebatte geht auf die US-Präsidentschaftswahlen des Jahres 1961 zurück. Damals stand der republikanische Vizepräsident Richard Nixon dem demokratischen Kandidaten John F. Kennedy gegenüber. Nixon war Favorit, aber aus der Kameraperspektive wirkte er für die Zuschauer sehr blass und kränklich. Dem stand das jugendliche und fite Auftreten des sonnengebräunten Kennedy gegenüber.

Laut Umfragen sahen die Radiohörer Nixon zwar im Vorteil, die überwiegende Mehrheit der Fernsehzuschauer hielt jedoch Kennedy für den Sieger. Nixon verlor später bekanntlich auch die Präsidentschaftswahl. Der Mythos des entscheidenden Fernsehduells, in dem es mehr auf Äusserlichkeiten statt auf Inhalte ankommt, war geboren.
Dieser lineare Wirkungszusammenhang ist heute zwar sehr umstritten. Sicher ist jedoch, dass TV-Wahldebatten mittlerweile auch in Europa, ich erinnere zum Beispiel an das Duell Merkel gegen Schröder im Jahr 2005, nicht mehr wegzudenken sind. Und auch die stärkere Akzentuierung der jeweiligen Persönlichkeit lässt sich nicht abstreiten. Immer häufiger setzen Politiker (Leuenberger, Merkel, Sarkozy etc.) auf Unterhaltung und Emotion, um damit mehr Sympathie und persönliches Vertrauen bei den Bürgern zu gewinnen. Wird demnach Politik immer mehr zu einem Produkt, bei dem die Verpackung mehr zählt als der Inhalt? In einem an einen „Lifestyle-Artikel” erinnernden Beitrag (netzeitung; 29.2.2008) wird kolportiert, dass bei den US-Wahlen das Image der wichtigste Faktor sei, wobei im betreffenden Fall Image tatsächlich mit kosmetischem Make-Up gleichzusetzen ist. Diese Einschätzung erscheint mir dann doch etwas überrissen, tendenziell ist sie aber grundsätzlich und leider sicher nicht falsch.

Die Frage nach der Erfolgsbilanz

März 19, 2008 by adifunk

Othmar hat in seinem Kommentar auf ein Weblog-Projekt hingewiesen, in welchem die Podcasts von Frau Merkel schlecht wegkommen. Die kritischen Aussagen zum Medienauftritt der Bundeskanzlerin sind in der Tat recht salopp. Trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass ein innovatives Medium alleine noch kein Erfolgsgarant für das Vermitteln neuer Inhalte und Emotionen darstellt. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage: Was heisst Erfolg? Die Podcasts verzeichnen wöchentlich zwar beachtliche 200′000 Zugriffe. Doch welche Wirkungen lösen die Botschaften aus und lassen sich die hohen Produktionskosten von durchschnittlich 10′000 Euro(www.golem.de; 8.10.2007) rechtfertigen? Abschliessende Antworten darauf sind recht  schwierig, doch eines bleibt sicher: das Urteil fällt zwiespaltig aus.
Auch beim Blog von Bundesrat Leuenberger ist die anfängliche Euphorie verflogen. Stolze 10′000 Besucher waren in den ersten 24 Stunden unmittelbar nach der Aufschaltung zu verzeichnen. Und auch in den Medien wurde der bloggende Verkehrsminister vor Jahresfrist dementsprechend thematisiert und karikiert.

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Mittlerweile wird dem Blog in den traditionellen Massenmedien kaum noch Beachtung geschenkt. Und für Moritz Leuenberger scheint die Wiederbelebung seines Diskussionsforums ebenfalls nicht prioritär zu sein. So trägt sein aktueller Beitrag, der darin besteht, keiner zu sein, den bezeichnenden Titel „Tschuldigung, keine Zeit”.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Internet hierzulande, oder weiter gefasst in ganz Europa, noch eine Nebenrolle in der Politkommunikation spielt. Blogs und Podcasts werden nur richtig wahrgenommen, wenn Zeitungen und Fernsehen über sie berichten (NZZ am Sonntag; 25.3.2007). Dies verhält sich im aktuellen US-Präsidentschaftswahlkampf völlig anders, insbesondere bei den demokratischen Kandidaten Clinton und Obama. Die Webseiten sind professionell  integriert und mittels echter sozialer Plattformen lassen sich die wichtigen Kampagnen organisieren. Die Produkte unterscheiden sich zwar inhaltlich und funktional kaum. Doch Barack Obamas Internetauftritt wird als ungleich erfolgreicher angesehen, weil er sich vor allem punkto Stil und Gestaltung abhebt. So kolportiert ein namhafter politischer Blogger Amerikas sehr trefflich, Obamas Site verhalte sich zu jener Clintons wie Mac zu PC(„Der Rockstar des politischen Web”; Sonntagszeitung; 2.3.2008). Politische Blogs können also durchaus als Seismografen wirken und einen grossen Einfluss auf die Öffentlichkeit haben(NZZ; 29.2.200 8) . Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob diese Entwicklung zukünftig noch mehr auf Europa überschwappen wird. Denn in diesem Zusammenhang wurden in der Vergangenheit ja schon oft neue Formen oder Mittel aus den USA übernommen. Das Schlagwort „Amerikanisierung” beendet meine Ausführungen. Es  bildet gleichzeitig aber auch den Link zu meinem nächsten Beitrag, in welchem ich mich mit geschichtlichen Entwicklungen der politischen Kommunikation in Zusammenhang mit der Mediennutzung befassen möchte.

Die Kanzlerin direkt

März 12, 2008 by adifunk

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Nun ja, ich habe Frau Merkel beim Wort genommen und mir einige ihrer Podcasts angeschaut. Bereits seit Juni 2006 veröffentlicht die deutsche Bundeskanzlerin in regelmässigem Abstand ihre Videobotschaften. Sie gilt damit als die weltweit erste Regierungschefin, die das innovative Kommunikationsmedium nutzt. Ihr erklärtes Hauptziel ist dabei, den Bürgern möglichst authentisch die Motive, Überlegungen und Entscheide der  Bundesregierung zu erläutern(ARD-Tagesschau Juni 2006).
Was Themenvielfalt und Aktualitätsgrad anbelangt, wird Frau Merkel den selber gestellten Anforderungen durchaus gerecht. Die Informationen werden stets sachlich und begründet dargelegt. Die grosse Seriosität wirkt aber demgegenüber etwas monoton. Emotionen oder persönliche Gedanken finden kaum Platz, ausser vielleicht auf ganz seichtem Gebiet: so zum Beispiel, indem Frau Merkel anlässlich der Fussball-WM 2006 auf ihren Besuch bei der deutschen Nationalmannschaft einging. Diese Episode widerspiegelt allerdings relativ gut ein stilistisches Merkmal, das immer wieder verwendet wird: die Betonung der Zusammengehörigkeit. „Wir wollen, wir können, wir brauchen”: in jedem Podcast sind derartige Formulierungen allgegenwärtig. Hier als Beispiel der aktuellste Beitrag in Textform
(2008-03-08).
Die mangelnde persönliche Ausstrahlung wurde zu Beginn mit einem Intro überbrückt, welches Frau Merkel beim Händeschütteln mit einigen Prominenten(z.B. Papst, Beckenbauer, Bono) zeigte. Der 30-sekündige Vorspann wurde dann allerdings für zu lang befunden und durch einen „smarteren”, Dynamik verheischenden Einstieg ersetzt. Ebenfalls wurde versucht, durch den Wechsel der bildlichen Gestaltung, der Räumlichkeit oder auch der Körperhaltung der Bundeskanzlerin etwas vom spröden Image wegzukommen.
Nachfolgend ein eher konventionelles, förmliches Beispiel:

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… und im Gegensatz dazu der Versuch, etwas mehr persönliche Nähe zu vermitteln:

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Trotz dieser „äusserlichen” Bemühungen ist aber eine gewisse Verkrampftheit nicht zu verkennen. Der Blog von Moritz Leuenberger kommt da um einiges lockerer und umgänglicher daher. Auch wird beim Bundesratsblog zumindest ein gewisse Diskussionsbasis offen gelegt und gelebt. Die Podcasts der Bundeskanzlerin wirken da eher als informationspolitische Einbahnstrassen. Demgegenüber steht wiederum die Tatsache, dass hinter den Videobotschaften Frau Merkels eine professionelle Organisation steht, wodurch die Beiträge viel konsequenter, einheitlicher und aktueller umgesetzt werden.
In meinem nächsten Beitrag werde ich auf die Reaktionen eingehen, die die modernen Plattformen Leuenbergers und Merkels in der breiteren Öffentlichkeit ausgelöst haben. Ausserdem werde ich den guten Hinweis von Othmar aufnehmen und einen etwas weiter gefassten Vergleich mit drei aktuellen Stars der Polit-Kommunikation wagen: mit Beppe Grillo, Hillary Clinton und Barack Obama.

Zum Abschluss und zur Auflockerung hier noch der Clip „Deutschland sucht den Superkanzler”, worin Mathias Richling einige namhafte deutsche Politgrössen, darunter auch Angela Merkel, frech und zynisch parodiert:

 

Sehr geehrter Herr Bundesrat “Blogger”

März 5, 2008 by adifunk

Mit diesen anzüglichen Worten wurde Moritz Leuenberger vor knapp einem Jahr im Ständerat begrüsst. Der Kommunikationsminister hatte unlängst seinen offiziellen Weblog aufgeschaltet, mit dem er eine neue Form des Meinungsaustausches zwischen Bundesrat und Bürgern testen wollte. Ist dieser Test gelungen?
Die Antwort auf diese Frage möchte ich mir noch etwas aufsparen. Zum jetzigen Zeitpunkt will ich lediglich auf einige Dinge hinweisen, die mir beim Studium des Bundesrats-Blogs speziell aufgefallen sind.
Bislang wurden insgesamt 55 Blogeinträge erstellt. Auffallend viele davon lassen sich den Bereichen Gesellschaft/Demokratie(23 Beiträge) sowie Umwelt/Energie(20) zuordnen, währenddessen die Themen Verkehr(7), Medien(3) und Kultur(2) relativ deutlich zurückstehen. Intressanter als diese Themengliederung ist jedoch die zeitliche Entwicklung. Ganz zu Beginn, also im März 2007, wurde sehr fleissig gearbeitet. Durchschnittlich alle 4 Tage wurde ein neuer Blogeintrag veröffentlicht. Diese Aktualisierungsfrequenz ist danach aber stetig zurückgegangen(August 2007: alle 7 Tage) und hat sich aktuell bei rund 10 Tagen eingependelt.
Die Einträge der Anfangsphase sind sehr ausführlich und textlastig. Bilder sind fast keine integriert. Dafür nimmt Herr Leuenberger oft explizit und mit Namensbezug Stellung zu einzelnen Kommentaren. Heute ist das kaum noch der Fall. Es herrscht vielmehr eine relativ strikte Trennung zwischen den Beiträgen des Bundesrats und dem Diskussionsforum(Zitat aus Blog/25.2.08: „Ich folgte der Diskussion in den Kommentaren mit grösster Spannung und fand, ich müsse sie einfach laufen lassen und dürfe sie nicht unterbrechen.”).
Anders als zu Beginn werden heute alle Einträge mit Bildern ergänzt. Diese vermitteln meist einen emotionalen und persönlichen Bezug, so zum Beispiel das folgende Foto, das Moritz Leuenberger bei einem Besuch in seinem Heimatdorf zeigt.

Moritz Leuenberger anlässlich eines Besuchs in seinem Heimatdorf

Überhaupt ist der Umgangston im Blog sehr jovial. Der Bundesrat gibt sich umgänglich, was sich auch in lockeren Anredeformen ausdrückt(Zitat aus Blog/15.3.07: „Vorerst Sieze ich Sie, während ich nicht beleidigt bin, wenn einige mich duzen”).
Zu guter Letzt: oft bringt Moritz Leuenberger auch das Bloggen selbst zur Diskussion und weist unter anderem auf Kommunikationsmechanismen hin, die sich durchs Internet zwar quantitativ verschoben haben, qualitiativ aber immer noch die selben bleiben. Es ist  abzuwarten, ob solche Gedankengänge eine selbstkritische Auseinandersetzung zum Ausdruck bringen oder erste Anzeichen für das Scheitern des Blog-Experimentes sind. Denn folgende Aussage aus dem Blog vom 25.2.08 könnte man allenfalls auch als reine Durchhalteparole interpretieren: „Auf den Blog möchte ich (vorläufig) aber dennoch nicht verzichten, weil ich dabei mit Menschen verkehren darf, zu denen ich sonst nie Zugang hätte, und sie auch nicht zu mir.”

Trittbrettfahrer der Medientechnologie oder Pioniere eines neuen politischen Dialogs?

Februar 27, 2008 by adifunk

Moritz Leuenberger betrachtet seinen Blog als Experiment, um neue Möglichkeiten des  Diskurses auszuloten. Angela Merkel will mit ihren Videobotschaften die Bürger authentisch über das politische Geschehen informieren. Was steckt hinter diesen Absichten? Konnten die unlängst formulierten Ansprüche erfüllt werden? Oder stellen die beiden Plattformen lediglich moderne Ausprägungen des Politmarketings dar? Diesen und weiteren Fragen werde ich mich im Verlauf der kommenden drei Monate stellen.

Zu Beginn möchte ich einen möglichst unverfälschten Eindruck erhalten, indem ich dem Bundesrat und der Bundeskanzlerin „quasi aufs Maul schaue”. Aus der Sicht eines unbefangenen Benutzers werde ich versuchen, die beiden Angebote hinsichtlich ihres Inhalts, ihres Stils und ihrer Wirkungsweise zu charakterisieren. Diese persönlichen Erkenntnisse werden wiederum mit Einschätzungen aus der Medienwelt in Beziehung gesetzt.
Danach richte ich mein Hauptaugenmerk auf die Leser bzw. Konsumenten. Welche Bevölkerungsschichten werden hauptsächlich angesprochen? Welche Themen intressieren am meisten? Wird wirklich tiefgründig über einzelne Punkte diskutiert oder sind  selbstdarstellerische Plaudereien in der Überzahl?
In einem dritten Teil soll der Bezug zu den allgemeinen Entwicklungen von Web 2.0 aufgezeigt werden. Folgt auf die anfänglich herrschende Euphorie nun eine Phase der  kritischeren Auseinandersetzung mit neuen Informationstechnologien? Oder anders fomuliert: wo liegen die Chancen und Risiken offener und kollaborativer Plattformen?
Daran anschliessend konzentriere ich mich auf mögliche Auswirkungen im Bezug auf die  politische Kommunikation. Führen Blogs und Podcasts wirklich zu einer breiter abgestützten Themenauseinandersetzung? Tragen die modernen Technologien gar zu einem besseren Demokratieverständnis bei? Oder sind dies alles nur theoretische Hirngespinste?
Schlussendlich werde ich eine Prognose über die zukünftige Entwicklung politisch geprägter Blogs und Podcasts aufstellen, bevor ich in einem Gesamtfazit die wichtigsten Erkenntnisse meiner Untersuchungen zusammenfassen möchte.

Auf reine Begriffsdefinitionen und Funktionsbeschreibungen werde ich weitgehend verzichten, da alle HTW-Studierenden diesbezüglich sicher bereits genügend Hintergrundwissen besitzen.
Abschliessend ist zu erwähnen, dass ich im Rahmen dieser Arbeit zum ersten Mal in meinem Leben blogge. Ich erachte dies demnach, und dabei befinde ich mich ja in prominenter Gesellschaft, als ein persönliches Experiment. Im Verlauf der kommenden Wochen wird sich entscheiden, ob ich das Verfassen tagebuchartiger Beiträge als zwar nützliche, aber einmalige Aufgabe ansehe oder ob ich mich zu einem veritablen „Kampf-Blogger” entwickeln werde.